Nachhaltigkeit

Unter der Lupe: Wie bedenklich sind Kunststoffverpackungen wirklich?

28.11.2023 | 10 Minuten Lesezeit
Charlotte Enzelsberger

Unnötig, gesundheitsgefährdend, klimaschädlich, ausbeuterisch – wenn es um das Thema Kunststoffe und Plastikverpackungen geht, kommen in Diskussionen schnell die negativsten Begriffe auf. Bilder von Mülldeponien und verschmutzen Ozeanen werden gezeichnet, von überladenen Supermarktregalen und einer gierigen Industrie. Doch in der Hitze des Gefechts wird oft mit  Scheinwahrheiten argumentiert, mit Mythen, die einer genauen Betrachtung nicht standhalten. Wir liefern Ihnen im folgenden Beitrag deshalb unabhängige Zahlen und Fakten – diese zeigen, dass Kunststoffverpackungen besser sind als ihr Ruf. Und dass diese, ganz im Gegenteil zur landläufigen Meinung, einen wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Lebensweise leisten können. 

Wozu braucht es eigentlich Kunststoff und Kunststoffverpackungen?

Kunststoffe werden erst seit 1907 industriell hergestellt. Die spezifischen Merkmale, die sie auszeichnen – leicht, bruchfest, temperaturbeständig, preiswert, langlebig und in verschiedenen Formen herstellbar – haben seither zu einem Siegeszug rund um die Welt geführt. Es gibt unzählige Dinge, die aus Kunststoffen hergestellt werden, vom Kinderspielzeug über Lebensmittelverpackungen bis hin zu Utensilien im Krankenhaus. Im Jahr 2021 wurden weltweit circa 391 Millionen Tonnen Kunststoff produziert1 – rund 21 Millionen Tonnen Plastik davon in Deutschland2. Gerade bei Lebensmittelverpackungen zeigen sich die Vorteile von Kunststoff als Material deutlich: Lebensmittel wie Gemüse, Milchprodukte oder Fleisch halten in Kunststoff verpackt zehn bis 25 Tage länger als unverpackte Produkte. Sichere, hygienische Verpackungen verhindern somit das frühzeitige Verderben von Lebensmitteln und reduzieren damit Lebensmittelverschwendung. Das ist wichtig, denn laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen wird heutzutage mehr als ein Drittel aller weltweit hergestellten Lebensmittel verschwendet. Diese Abfälle tragen zu acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen bei. Wenn nur ein Bruchteil davon verhindert wird, kann tonnenweise CO2e eingespart und damit das Klima geschützt werden. 

Ginge es nicht auch ohne Kunststoffverpackungen?

Bei aller Kritik an Kunststoffverpackungen darf nicht vergessen werden, dass bei Lebensmitteln eine grobe Faustregel gilt: Lediglich zwischen drei und 3,5 Prozent der Klimawirkungen verpackter Lebensmittel gehen auf deren Verpackung zurück3. Wer die Umwelt schützen will, sollte daher vor allem darauf achten, Lebensmittel zu kaufen, die emissionsarm produziert worden sind: Das sind vor allem regionale und saisonale Produkte. In vielen Fällen macht es außerdem Sinn, auf Mehrweg-Verpackungslösungen zurückzugreifen, die wieder befüllt werden können. 

Sind Papier und Glas die nachhaltigeren Verpackungsalternativen?

Um es kurz vorwegzunehmen: Nicht unbedingt, jedes Material hat seine spezifischen Vor- und Nachteile. In der Bevölkerung genießen Glas- und Papierverpackungen ein sehr positives Image. Doch Papier wird aus Holz hergestellt – Holzgewinnung und -weiterverarbeitung belasten die Umwelt ebenso wie die Herstellung anderer Materialien. Die hohe Nachfrage nach Zellstoff trägt außerdem maßgeblich zur weltweiten Waldzerstörung bei. Und gerade Wald bindet CO2 und dient auf diesem Weg als Speicher für schädliches Kohlenstoffdioxid. Hinzu kommt, dass das Herauslösen der Fasern und die Gewinnung von Zellstoff ein energieaufwändiger und ressourcenintensiver Prozess ist. Zudem sind vermeintliche Papierverpackungen, wie der beliebte Pappbecher, häufig beidseitig mit einer Polyolefin-Schicht, also einer Kunststoffschicht, überzogen. Solche Verpackungen aus unterschiedlichen Materialien sind nach ihrer Verwendung kaum voneinander zu trennen. Daher ist das Recycling der Produkte in Standard-Papierrecyclinganlagen zumeist nicht möglich.

Wie nachhaltig Glasverpackungen sind, hängt stark von ihrem Einsatz ab: Glasflaschen verbrauchen in der Herstellung meist mehr Energie als Plastikflaschen. Durch den hohen Energieeinsatz und das höhere Produktgewicht sollte Glas deshalb mehrmals verwendet werden, damit sich die Umweltauswirkung reduziert. Glas ist allerdings spezifisch schwerer als Kunststoff, was sich vor allem bei weiten Transportwegen negativ auf die Umweltbilanz auswirkt. Wichtig ist daher, dass die Glasflasche nicht weit transportiert wird. Im Allgemeinen können daher Mehrweg-Kunststoffe einen erheblichen CO2e-Vorteil haben. Fun fact: Mehr als 95 Prozent aller Mehrweg-Kunststoffflaschen in Europa werden derzeit in Deutschland genutzt4.   

Kunststoffverpackungen sind doch schlecht für die Gesundheit?

Weichmacher, Stabilisatoren und Farbstoffe sind in vielen Kunststoffprodukten enthalten, einer der meistdiskutierten Stoffe ist dabei Bisphenol A (BPA). Kunststoffe auf der Basis von BPA lassen sich gut verarbeiten – Untersuchungen haben aber ergeben, dass BPA ein Stoff mit hormonähnlichen Wirkungen ist. Zur Herstellung von Babyflaschen ist der Stoff bereits verboten. Viele verantwortungsbewusste Verpackungsproduzenten haben ohnehin bereits vor Jahren auf eine bisphenolfreie Produktion umgestellt: Produkte werden entsprechend mit „BPA-frei“ gekennzeichnet. Bei Lebensmittel- und Getränke-Verpackungen spielen Kunststoffe mit BPA aber so oder so keine Rolle. 

Was ist mit Mikroplastik?

Wenn Gesundheits- und Umweltrisiken von Plastik diskutiert werden, ist immer wieder von Mikroplastik die Rede. Als Mikroplastik werden Kunststoffteile bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Mikroplastik entsteht weniger durch Kunststoffverpackungen, sondern vor allem durch den Abrieb von Autoreifen, das Waschen von Kleidung und den Einsatz in Kosmetika. Das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) geht davon aus, dass Mikroplastik in Kosmetikprodukten eher nicht gesundheitsschädlich ist, da die in diesen Produkten verwendeten Partikel größer als ein Mikrometer sind. Sollten Teile verschluckt werden, so werden diese größtenteils wieder ausgeschieden. Dass sich gesundheitlich relevante Mengen Ethylen im Magen-Darm-Trakt freisetzen, ist aus Sicht des BfR unwahrscheinlich. Doch auch wenn Mikroplastik dem Körper nicht schadet – der Umwelt zuliebe sollte auf Produkte verzichtet werden, die kleine Kunststoffpartikel enthalten. 

Aber Verpackungsmüll ist doch ein großes Problem?

Die hohe Produktion von Kunststoffen bringt zwangsläufig eine Menge an Kunststoffabfällen in Europa mit sich: Im Jahr 2020 fielen über 29 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle5 an. In den EU-Ländern entstehen jährlich im Durchschnitt rund 34 Kilogramm Verpackungsabfall aus Plastik pro Einwohner:in6. In der EU werden diese derzeit zu gut einem Drittel recycelt, bis 2050 sollen die Recyclingquoten für Kunststoffe in allen EU-Mitgliedstaaten auf mindestens 55 Prozent steigen7. Doch die notwendige Entsorgungsinfrastruktur gibt es in vielen Ländern der Welt nicht: Geschätzte 95 Prozent des Plastikmülls in den Ozeanen stammen aus gerade einmal zehn Fluss-Systemen, vorwiegend in dichtbesiedelten Gegenden Afrikas und Asiens. Hier ist Plastikmüll sehr wohl ein Problem, dem mit dem massiven Ausbau von Entsorgungsstrukturen begegnet werden muss

Beeinflusst Kunststoff den Klimawandel?

Ja, allerdings anders als die meisten denken! Richtig ist: Die Herstellung, Verwendung und Entsorgung von Kunststoffen hat natürlich eine Umweltwirkung. Teil dieser Umweltwirkung ist das Emittieren von Treibhausgasen, auch ausgedrückt in CO2e. Aber: Jede:r Österreicher:in verursachte 2020 8,3 Tonnen CO2e.8  Die weitaus meisten Emissionen resultieren dabei aus dem Verkehr, der Erzeugung von Lebensmitteln oder der Bereitstellung von Energie.9
Blickt man auf den gesamten Erdölverbrauch (ein wesentlicher Treiber von CO2-Emissionen), so zeigt sich, dass lediglich vier Prozent des Erdölverbrauchs auf die Produktion von Kunststoffen entfallen.10 Kunststoffe können deshalb oft die bessere Alternative zu anderen Verpackungen darstellen, da sie durch ihr geringes Gewicht und ihren guten Produktschutz helfen können, Emissionen zu vermeiden. 
 

1 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167099/umfrage/weltproduktion-von-kunststoff-seit-1950/

2 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167076/umfrage/produktionsmenge-der-deutschen-kunststoffindustrie-seit-2006/

3 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1320019/umfrage/anteil-verpackung-an-klimafussabdruck-verpackten-lebensmitteln/

4 https://bp-consultants.de/wp-content/uploads/2019/03/The-12-most-common-misconceptions-about-plastic-packaging.pdf

5 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/206843/umfrage/kunststoffabfallaufkommen-und-recycelte-menge-kunststoff-in-europa/

6 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/786353/umfrage/plastikverpackungsabfall-in-ausgewaehlten-eu-laendern-je-einwohner/

7 https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20181212STO21610/plastikmull-und-recycling-in-der-eu-zahlen-und-fakten?at_campaign=20234-economy&at_medium=Google_Ads&at_platform=Search&at_creation=DSA&at_goal=TR_G&at_audience=&at_topic=Plastic_Waste&gclid=Cj0KCQiAr8eqBhD3ARIsAIe-buPWTtAsvQnqZCYv4X1CJLSkEsUxHDYR1e0aszmHXT6X_B-pkfV77xMaAiAfEALw_wcB

8 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/962397/umfrage/treibhausgasemissionen-pro-kopf-in-oesterreich/

9 https://de.statista.com/themen/5119/treibhausgasemissionen-in-oesterreich/#topicOverview

10 https://plasticseurope.org/de/wp-content/uploads/sites/3/2022/05/129454_Inhalt_Ansicht.pdf

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